Machen!

Andreas Ruby: In unserer dritten und letzten Gesprächsrunde im Rahmen der Ausstellung MACHEN! wollen wir darüber diskutieren, wie man mit alten Materialien und Bautechniken zeitgenössisch bauen kann. Wie lassen sich stigma- tisierende Gegensätze wie High- und Low-Tech, Fort- und Rückschritt, Entwicklungs- und Industrie- länder überwinden? In der Architektur ist dies nicht ohne eine Umwertung der kulturellen Kolo- nialisierung denkbar, wie sie in der Geschichte der modernen Architektur vielleicht erstmals durch den österreichischen Architekten Bernard Rudofsky in seiner MoMA-Ausstellung „Architecture without Architects“ von 1964 angeregt wurde. Rudofsky kritisierte den Fortschrittsglauben der Modernen Architektur. Die Vorstellung, Hochtech- nologien aus den entwickelten Industrienationen über die Welt zu verteilen, um damit die Probleme armer Länder zu lösen, war für ihn ein absoluter Irrglaube. Seiner Ansicht nach sind Entwicklungs- länder überhaupt nicht rückschrittlich, sondern haben ihre eigenen Technologien und ihr eigenes Wissen. Wenn man dieses lokale Kapital durch unsere Technologien und Know-How zu ersetzen versucht, zerstört man die gewachsene Werte- und Wissenskultur eines Kontextes. Häuser aus Beton und mit Klimaanlage in tropischen Ländern wie Burkina Faso zu bauen, die weder f ließend Wasser noch Strom haben, kann nicht nachhaltig sein. Doch hat diese Jahrzehnte lange Praxis Erwart- ungen und einen Standard geprägt. Francis Kéré, wie waren die Reaktionen, als Sie nach ihrem Architekturstudium in Deutschland nach Burkina Faso zurückkehrten und ihre Schule in Gando in traditioneller Lehmbauweise errichten wollten? Francis Kéré: Bei mir im Dorf wurde ich für meine Pläne bestenfalls belächelt. Fortschritt bedeutet in Afrika heute für viele leider immer noch, in einem klimatisierten Betonhaus zu wohnen. Die Leute waren zwar begeistert, dass ich eine Schule bauen wollte, denn die gab es zu der Zeit in Gando nicht. Aber so ein großes Gebäude aus Lehm zu errichten, erschien ihnen vollkommen abwegig. Ich musste viel Überzeugungsarbeit leisten, bis dieser Gedanke überhaupt akzeptiert wurde. Inzwischen haben wir das Dorf sogar überzeugt, dass ein traditioneller Lehmfußboden überall in unseren Gebäuden einge- setzt wird. Früher galt das als primitiv, doch heute sind die Menschen wieder stolz auf dieses Wissen. Andreas Ruby: Womit konnten Sie die Menschen dazu überzeugen, ihre bestehenden Wertevorstel- lungen und Erwartungen zu überdenken? diskussion nr. 3 alte materialien neu verbaut: wie man alte bautraditionen modernisieren kann francis kéré (kéré architecture) und eike roswag (ziegert roswag seiler) im gespräch mit andreas ruby 17. august 2012, aedes network campus berlin 116

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