Machen!

bewerb für das Nachhaltigkeitszentrum mit einem Lehmbau gewinnen. Was hat Ihrer Meinung nach dafür den Ausschlag gegeben? Anna Heringer: Unser Projekt greift die Tradition der Lehmbauarchitektur in Nordafrika wieder auf, es aktualisiert diese Tradition aber auch und begreift sie als Baustein einer zeitgenössischen kulturellen Identität des Ortes. Es kombiniert auf sinnvolle Weise High-Tech- und Low-Tech-Ansätze in der Baukonstruktion, wodurch das Gebäude kostengünstig vor Ort herstellbar ist. Dass wir mit diesen in Marokko heute eher unüblichen Denk- ansätzen dennoch auf offene Ohren gestoßen sind, hat sicher mit der Tatsache zu tun, dass wir als Ausländer diesen Vorschlag gemacht haben. Ich habe schon in Bangladesch die Erfahrung gemacht, dass es manchmal leichter ist, wenn man von außen kommt, um Dinge zu verändern. Man sieht das Vorhandene mit neuen Augen und weiß den Wert eher zu schätzen. Das ist eine Chance für beide Seiten. Man kann zeigen, welche Schönheit im Alltäglichen liegt. Andreas Ruby: Als Francis Kéré in seinem Heimat- dorf in Burkina Faso eine Schule aus Lehm bauen wollte, waren die Reaktionen seiner Landsleute despektierlich: „Bist du verrückt! Das ist alt, wir wollen nicht zurück, sondern wollen modern und westlich sein!“ Gibt es diese Art von Identitäts- konf likt auch in Marokko? Martin Rauch: Ja, ganz eindeutig. Lehm hat einfach ein schlechtes Image, weil es als armes Material gilt. Mit Lehm zu bauen signalisiert quasi, dass man kein Geld hat. Dieser Problematik kann man nur mit guter Architektur und angepasster Techno- logie entgegenwirken. Mit unserem Projekt in Chwitter haben wir genau das versucht. Für die Jury hatten wir damit das menschliche Maß gefunden. In Marokko findet man die wunder- schönen alten Kasbahs und selbst die Garten- mauern werden aus Stampf lehm gebaut – aber keine Wohnhäuser! Da ist unser Projekt ein Signal gewesen; und der Holcim Award hat den Auftrag- gebern eine Bestätigung gegeben. Andreas Ruby: Warum gibt es eigentlich so wenig Lehmbauten in unseren Breiten? Martin Rauch: Lehmbau gibt es durchaus auch bei uns. Allein in Deutschland gibt es bestimmt mehrere tausend Lehmgebäude. Lehmbau war auch in Europa und in den Industrieländern eine traditio- nelle Bauweise. Doch im Zuge der Industrialisie- rung ist der Baustoff Lehm bei uns verloren gegan- gen, durch die neuen Transportmöglichkeiten verlor das lokale Material an Bedeutung. Eigentlich hat man einfach nur vergessen, die traditionellen Baustoffe weiterzuentwickeln – auf diese muss ja auch immer nur in Krisenzeiten zurückgriffen werden. Joseph Frank, ein österreichischer Archi- tekt, hat das einmal ganz gut beschrieben: „Lehm ist kein Baumaterial, sondern eine Weltanschau- ung, und seine Zauberkraft wird immer dann beschworen, wenn die Not groß ist.“ Man erinnert sich an dieses Material, das viele Arbeitsplätze und tolle Wohnräume schafft, und dabei wenig Energie braucht, leider nur in der Krise. Andreas Ruby: Dann kann es mit dem Lehmbau im krisengeschüttelten Europa momentan ja eigentlich nur nach oben gehen. Das Imageproblem des Lehms bringt uns zum Beton – Lieblingsmaterial der meisten Architekten, aber vom Rest der Bevölkerung eher gering geschätzt. Frank Barkow, ging es Ihnen beim Smart Material House auch darum, die Sinnlichkeit dieses Materials zu zeigen und zu beweisen, dass Beton gar nicht so schlecht ist wie sein Ruf ? Frank Barkow: Ja, auf jeden Fall. Gerade wenn man die Oberf läche des Infraleichtbetons wie bei einem Terrazzoboden abschleift, werden seine Bestand- teile sichtbar – neben dem Beton sind das auch die Zuschlagstoffe, die als Dämmung funktionieren. Das Material bekommt auf einmal etwas seidig 103

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