Machen!

Andreas Ruby: Alle sechs ausgezeichneten deut- schen Projekte der diesjährigen Holcim Awards haben Ansätze gefunden, die kein Standard sind – es sind experimentelle Exkursionen in heutige Möglichkeitsräume. Nun ist die Welt des Bauens ein träges Tier. Noch immer bauen wir heute größtenteils mit fast dem gleichen Materialkanon wie vor 150 Jahren. Auch sind die meisten heute gebauten Häuser kaum intelligenter als die der Moderne. Wie ist es möglich, die Baustoffindustrie dazu zu bringen, über Konventionen nachzudenken und zu überwinden? Wie können solche Entwürfe wie das Smart Material House in Hamburg oder das Nachhaltigkeitszentrum in Marrakesch auch tatsächlich gebaut werden? Mike Schlaich: Ich finde nicht, dass das Bauen träge ist. Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass der Stahlbeton gerade mal einhundert Jahre alt ist und man seitdem ganz anders baut als zuvor. Spannbeton gibt es sogar erst seit fünfzig Jahren! Es passiert viel in der Wiederentdeckung alter, traditioneller Materialien, aber auch in der Nut- zung ganz neuer Baustoffe, wie zum Beispiel von Kohlenstofffasern. Dass solche Entwicklungen ein vergleichsweise langsamer Prozess sind, hat einen guten Grund. Denn wenn wir Ingenieure Fehler machen, kann das katastrophale Folgen haben. Natürlich sind andere Industrien schneller, wir müssen uns aber nicht verstecken. Erstaunlich bei den Experimenten mit Infraleichtbeton war unter anderem, dass wir innerhalb von sechs Wochen die bisherigen Wärmedämmeigenschaften verdoppeln konnten. Aus dem Material Beton können wir also noch relativ viel herausholen. Ingenieure müssen k leine Schritte gehen, vorsichtig sein und die Bauherren an solche Versuche langsam heranführen. Vielleicht ist es schon auch ein gesellschaftliches Problem: Die Leute sind oft erschreckend anspruchslos. Andreas Ruby: Inwiefern anspruchslos? Mike Schlaich: Wenn wir sehen, was zum Beispiel in Marokko heute so gebaut wird, dann braucht man Architekten wie Anna Heringer und Martin Rauch, also kurioserweise Ausländer, die ein Bewusstsein dafür schaffen, wieder mit Lehm, dem Urmaterial dieser Region, zu bauen. Andreas Ruby: Die Architekten in Marokko setzen sich erstaunlicher Weise so gut wie gar nicht mit dem Baustoff Lehm auseinander. Dennoch konnten Sie, Anna Heringer und Martin Rauch, den Wett- diskussion nr. 2 heizen mit beton, kühlen mit lehm: wie man materialien in ihrer ganzen bandbreite nutzen kann frank barkow (barkow leibinger architekten), mike schlaich (tu berlin), anna heringer und martin rauch (heringer rauch nägele waibel naji) im gespräch mit andreas ruby 3. august 2012, aedes network campus berlin 102

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